Babylon 5: Der erste Mensch

von Uli Kusterer

"Sehen Sie die beiden dunklen Blöcke dort oben?" erkundigte sie sich.

"Sicher. Sind sie das?" Sheridan kniff seine Augen zusammen, konnte jedoch immer noch nichts genaueres in der Ferne ausmachen. Nur schwarze Schemen, möglicherweise rechteckig.

"Die Docks. Eigentlich schade darum." Sie warf ihm einen vorwurfsvollen Blick zu. Sheridan ignorierte ihn. Er hatte ihr ein paar dutzendmal erklärt, daß er keine Wahl gehabt hatte, und nichts lag ihm ferner, als sich auf eine weitere Diskussion mit dieser Frau einzulassen, die nur dasselbe Ergebnis haben würde: Er würde ihr bedingungslos zustimmen, ihr dann mitteilen, daß an der Entscheidung trotzdem nichts zu rütteln gab, und dann würde sie wieder auf ihre farbenfrohe Weise ausdrücken, daß er schon genauso gewandt mit gespaltener Zunge spräche wie andere Politiker der Allianz. Sheridan seufzte und wandte sich dann Wortlos um, ins Innere seines provisorischen Büros und vermochte immer noch nicht, zu begreifen warum sie die größeren Zusammenhänge nicht wahrnahm, warum sie so an diesem nun mal gescheiterten Projekt hing. In fünf bis zehn Jahren wäre es vielleicht möglich, einen weiteren Versuch zu wagen.

Sie stand noch immer auf dem Balkon, spielte mit dem mattgrünen Stein, den sie an einem Lederband um ihren Hals trug und blickte senkrecht hinunter auf die weiten Straßen der zukünftigen Hauptstadt der Allianz auf Minbar. Wie in allen Städten die Minbari bewohnten bot sich ihr ein beeindruckender Anblick: Glänzende Kristallkuppeln, schnellen aber würdigen Schrittes vorbeiziehende Gruppen von Leuten. Doch die Erde war es nicht. Sie war sich sicher, daß dies die Schlußfolgerung war, zu der jeder Mensch der hier für einige Zeit lebte letztlich gelangte.

"Möchten sie noch eine Weile bleiben?" vernahm sie Sheridans Stimme aus dem Inneren des Hauses. Hatte sie ihn lange warten lassen? Verlegen warf sie einen Blick auf ihre Uhr, bevor ihr klar wurde, daß Sheridan nie so unhöflich gewesen wäre, sie auf solche Weise darauf hinzuweisen.

"Nein, mein Flug zum Mars geht noch heute abend." Sie trat in das geräumige Zimmer zurück und nahm den Weg in Richtung der Ausgangstüre in Angriff. "Vielen Dank, daß sie die Zeit hatten, mich zu empfangen, Herr Präsident." fügte sie noch etwas steif hinzu.

"Ich hätte mir gewünscht, daß es unter anderen Umständen gewesen wäre." antwortete er auf ähnliche Weise.

Als sie die Tür aufzog, fuhr sie zusammen, als sie sich einem wuchtigen Ranger gegenüberfand. Natürlich konnte sich der Präsident der interstellaren Allianz selbst auf Minbar nicht ohne Wachen bewegen. Der Ranger betrachtete sie mit einem durchdringenden Blick, beinahe als wollte er sichergehen, dass sie nicht das Silberbesteck ihres Schutzbefohlenen mitgehen lassen hatte. Obwohl diese Zeiten schon lange der Vergangenheit angehörten, konnte sie nicht umhin, sich immer noch durch Autoritätspersonen bedroht zu fühlen. Sie beschleunigte ihren Schritt etwas, und folgte der Biegung des Flurs in Richtung des Aufzugs. Sie würde sich freuen, endlich wieder in einer menschlichen Kolonie zu sein. Nach einem halben Jahr auf Minbar, konnte sie einfach keine Kristalle mehr sehen. Kristalle und Regen.

"Schauen sie einmal, wie schön die Hauptstadt von hier oben aussieht!" schwärmte eine Geschäftsfrau in einem kitschig-rosanen Nadelstreifenanzug zu ihrer Rechten, das Gesicht gebannt gegen die Glasscheibe des Shuttles gedrückt. Ein Fahrgast zur Linken packte ein Brot aus, das zentimeterdick mit etwas bestrichen war, das man wohl am besten mit wiederbelebter Mettwurst umschreiben konnte. Der Geruch, der davon ausging war jedenfalls eine interessante Mischung aus verschmorten Kabelisolierungen und einem vor drei Tagen verstorbenen. Furchtbar. Sie hasste es, während Flugreisen aus dem Fenster zu sehen. Abschied, Kitschige Touristenausblicke. Nach einem Leben zwischen Druckschleusen und Sprungtoren konnte sie auch dies nicht mehr sehen. Und Kristalle. Und Regen.

Sie zog das Lederband um ihren Hals zurecht und vermied tunlichst, in die Richtug der rosanen Hysterikerin zu blicken, die inzwischen zu dem Punkt gekommen war, an dem sie die Wolkenformationen betrachtete. Dann fielen ihr die Texte ein, die Avonn ihr zum Abschied gegeben hatte.

Sie hatte ihn auf dem ganzen Werftkomplex gesucht, um sich von ihm zu verabschieden, bis sie ihn dann ruhig wartend mit einer Art sechseckiger Schatulle in der Hand vor ihrer Wohnung wartend vorfand. Er wusste bereits, dass sie gehen wollte, und hatte ihr dieses Abschiedsgeschenk gebracht. Sie kannte Avonn gut genug, um zu wissen, dass er ihr nie von sich aus ein Geschenk gemacht hätte. Obwohl sie gute Freunde geworden waren, war er doch immer distanziert geblieben, vermutlich wegen der kulturellen Unterschiede. Wem hatte sie also dieses Geschenk zu verdanken?

Sie zog das Buch aus der Reisetasche und schlug es auf. Obwohl es in Minbari geschrieben war, fühlte sie sich sofort wie gefesselt. Irgend etwas an dieser Schrift kam ihr sehr bekannt vor. Avonns Schrift war es nicht. Das erste Kapitel erzählte ein seltsames Gleichnis, eine Geschichte von einem Engel, dessen Kinder sich gegen ihn wandten. Es folgte eine weitere Geschichte von zwei Brüdern, von denen sich einer opferte, sich zerreißen ließ. Die Geschichte endete auf bizzarre Weise, als die Kinder diese Teile mit sich herumzutragen begannen. Die Kinder hatten eigenartige Namen, von denen ein paar sehr uncharakteristisch für Minbari-Namen klangen. Zikuhonn lautete einer, Valen, der große Prophet der Minbari war auch darunter, und seltsamerweise trug eines der Kinder den Namen des überlebenden Bruders. Sie legte das Buch zur Seite und warf einen Blick an dem rosanen Schandfleck vorbei aus dem Fenster in die sternendurchbrochene schwarze Tiefe, stellte sich vor, wie es wohl gewesen wäre, mit dem nachgebauten Vorlonenschiff einen Probeflug zu unternehmen.

Die Landungsdurchsage des Piloten rüttelte sie aus ihren Gedanken. Es war Zeit das gestorbene Projekt zu vergessen. Und wie seltsam diese Geschichten auch sein mochten, sie waren wirr genug, um ihre Gedanken für die Zeit des Fluges problemlos zu beschäftigen, bis sie auf dem Mars angekommen war. Und dann würde Garibaldi sicher schon einen neuen Auftrag für sie bereithalten. Aber bis dahin würde sie lesen. Von tragischen Helden, Sagen, Mythen, Legenden, und vielleicht sogar von Giganten, die wie Götter zwischen den Sternen wandeln.


"Garibaldi!" wie ein wütender Racheengel stürmte die Frau in Garibaldis Büro. "Wieso wurde ich nicht informiert ?!" Sie knallte einen dicken Stapel Akten auf seinen Schreibtisch, und beugte sich dann, darauf gestützt, vor um Garibaldi in die Augen sehen zu können, der angespannt und fast wie zum Sprung bereit auf seinem Drehstuhl saß.

"Worum geht es?" entgegnete er mit aller Ruhe, die er nach einem solchen Auftritt aufbringen konnte. Obwohl sie schlank und eher leicht gebaut war, und auch ihr Größenvorteil ihm gegenüber vernachlässigbar war, fühlte er sich irgendwie bedroht. Sie schien eine Entschlossenheit, eine innere Kraft zu besitzen, vor der sämtliche Instinkte ihn zur Vorsicht mahnten. Ihre leuchtend grünen Augen bohrten sich in seine:

"Worum es geht? Sie wissen verdammt noch mal selber, dass sie den Prototypen noch haben!" ihre Faust krachte auf den Tisch nieder. Garibaldi musste sich nun wirklich zusammenreißen.

"Sicher. Er wurde Edgars Industries zur Vernichtung übergeben." Entgegnete er gereizt.

"'Vernichtung'? Verdammt noch mal, sie töten es!"

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